Douglas Adams – Per Anhalter durch die Galaxis

„Es ist natürlich allgemein bekannt, dass unüberlegtes Reden tödlich sein kann, aber das volle Ausmaß dieses Problems wird nicht immer erkannt.“

Spoilerfreie Rezension

ENDLICH habe ich mich zu diesem Klassiker überreden lassen. Ich hatte ehrlich gesagt keine großen Ambitionen dieses Buch zu lesen und hätte es vermutlich auch nie getan, wenn es nicht in meinem Buchclub als Buch des Monats ausgewählt worden wäre. Aber ich bin wirklich mehr als froh, dass dieses Buch nun unerwartet seinen Weg auf meinen Favoritenstapel gefunden hat.

Der erste Teil der aus 5 Bänden bestehenden „Trilogie“ (ja, ihr habt richtig gelesen) handelt von Arthur Dent, der mit seinem langjährigen Freund Ford, der sich jüngst als Außerirdischer entpuppte, gerade noch rechtzeitig die Erde vor ihrer Sprengung „per Anhalter“ verlassen konnte und in ein galaktisches Abenteuer gerät.

Das Buch ist wirklich wahnsinnig witzig, ich musste oft wirklich laut lachen. Die Geschichte liest sich wie eine Parodie auf unsere Realität und alle bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Auch der irdische Bürokratiewahn bleibt nicht verschont von Adams grandiosem Humor. Ich bin normalerweise niemand, der jemals gezielt „witzige Bücher“ lesen würde, da meiner Meinung nach oft Geschichte und Prämisse dabei auf der Strecke bleiben, aber Douglas Adams hat mich wirklich vom Hocker gehauen.

Per Anhalter durch die Galaxis erinnert einen daran sich selbst und alles andere nicht immer all zu ernst zu nehmen, daran dass wir vermutlich viel weniger wissen als wir denken und daran, dass wir im Vergleich zu dem, was da draußen in den unendlichen Weiten des Universums noch existieren könnte, doch wirklich relativ unbedeutend sind.

Alles in allem eine Top-Lektüre für zwischendurch, liest sich schnell weg und macht definitiv Lust auf mehr.

Diskussion (Achtung, Spoiler)

Nicht wirklich eine Diskussion (was gäbe es auch groß zu diskutieren?), aber zumindest ein bisschen Revue passieren lassen der Lektüre.

Schon auf den Ersten paar Seiten fand ich die Idee grandios die Erde für eine Express-Straße zu sprengen. Ich meine Hallo: Wie geil ist das bitte? Und ich hab mich halb tot gelacht, als die Vogonen verkündeten, dass die Pläne für jenes Bauvorhaben ja schon lange auf Alpha Centauri ausgelegen hätten. Supergeil, echt. Wer es jemals (gerade in Deutschland) mit irgendeinem Amt zu tun hatte, wird das Fünkchen Realität in dieser Absurdität sofort erkannt haben. Einfach herrlich.

Das war nur eine meiner vielen Lieblingsstellen. Alles in allem habe ich hier nicht viel zu sagen, großartiges Buch, großartiger Humor, ich freue mich schon auf die nächsten Teile.

F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby

F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby

Bewertung 

Lieblingszitate

»Und ich mag große Partys. Sie sind so intim. Auf kleinen Partys ist man nie unter sich.«

»Eine neue Welt, materiell, aber nicht real, voller armseliger Geister, die ziellos umherdrifteten, während sie Träume schöpften wie Atem…«

Spoilerfreie Rezension

Auch wenn ihr auf dem Bild eine wunderschöne englische Ausgabe seht, muss ich gestehen, dass ich leider „nur“ das deutsche eBook gelesen habe. Shame on me, aber ich wollte die wunderschöne Sprache genießen können, ohne die Hälfte der Wörter nachschlagen zu müssen.

F. Scott Fitzgerald erzählt in „Der Große Gatsby“ (1925) die Geschichte von Jay Gatsby, der die Liebe seines Lebens, Daisy,  während des Krieges aus den Augen und an einen anderen Mann verloren hatte. Er ist in New York für seine ausschweifenden Partys bekannt, außerdem ranken sich diverse Legenden um seine mysteriöse Person und um seinen Reichtum. Nach Jahren treffen sie über Umwege wieder aufeinander, woraus sich einige Spannungen unter anderem mit Daisys Ehemann Tom ergeben, der unter anderem auch eine Affäre hat. Das ganze führt zu einigen ungünstigen Ereignissen, die ich aus Spoilergründen lieber für mich behalte.

Insgesamt hatte ich an den großen Gatsby große Erwartungen und war leider fast ein bisschen enttäuscht. Ich stellte mir ein wundervolles Porträt der 20er Jahre mit all ihren Oberflächlichkeiten vor. Sprachlich ist das auch wirklich gelungen, die prätentiöse Gesellschaft wurde wundervoll beschrieben.

Jedoch hatte die Sache für mich einen Haken. Erzählt wird die ganze Geschichte von Nick Carraway, Daisys Cousin. Er stammt nicht aus der High Society und arbeitet hart für sein Geld. Dementsprechend moralisiert er häufig das arrogante Gehabe der Reichen und Schönen. Dabei habe ich mich als Leser bevormundet gefühlt. Mir hätte es besser gefallen, wenn der Autor uns eine neutrale, vielleicht gar überzeugend positive Schilderung der „Golden 20ies“ präsentiert hätte und dem Leser vertraut hätte, selbst hinter die schillernde Fassade blicken zu können.

Ich muss auch sagen, dass ich Gatsbys Verhalten teilweise etwas unheimlich fand, in etwa so befremdlich wie Edward Cullen oder Christian Grey. Seine Zuneigung zu Daisy wirkte nicht echt, sondern besessen. Aber ich vermute mal, das war Mr. Fitzgeralds Plan.

Allerdings habe ich beim Lesen Baz Luhrmans wahnsinnig tolle Verfilmung schätzen gelernt. Die Bilder gingen mir beim Lesen nicht aus dem Kopf und Mr. DiCaprio hat definitiv auch einen Wahnsinnsjob geleistet.

Diskussion (Achtung, Spoiler)

Wie schon erwähnt empfand ich Nicks Erzählweise oft als moralisierend und bevormundend. Am deutlichsten zeigt sich das meines Erachtens in dem Moment, als er begreift, dass niemand zu Gatsbys Beerdigung kommen wird und er nahezu jeden Bekannten anruft, um irgendjemanden finden, der kommen will. Das Ganze war für mich irgendwie zu obvious, Nick wirkte permanent wie ein hineingequetschter Sympathieträger, was ihn ironischerweise wahnsinnig unsympathisch gemacht hat. Auch als er zu Wolfsheim geht und ihn damit konfrontiert, wie er es findet, dass er nicht zu Gatsbys Beerdigung kommt, fand ich ziemlich unnötig.

Einfach alles so im Raum stehen zu lassen wie es ist und auf die Intelligenz des Lesers zu vertrauen hätte dem Werk stilmäßig besser getan. So hatte ich ständig das Gefühl der Autor jagt mich mit Wegweisern in die Richtung, die er für richtig hält, unabhängig davon ob ich diese vielleicht auch so eingeschlagen hätte.

Mehr gibt es zur Diskussion auch meiner Meinung nach nicht beizutragen. Ich werde mir hier keinen Arm ausreißen um das Buch zu interpretieren. Die zeitlichen Bezüge sind denke ich jedem weitgehend bekannt und ich bin ehrlich gesagt kein Fan davon das Leben des Autors in die eigene Deutung mit reinzuziehen.

Falls ihr den Großen Gatsby auch gelesen habt, lasst mich eure Meinung wissen!

Anthony Burgess – Clockwork Orange

Anthony Burgess – Clockwork Orange

Bewertung 

Lieblingszitate

„Obendrein gehört das Böse immer zum »Selbst« […]. […] das heißt die von den Regierungen, von den Schulen und Gerichten können das Böse nicht zulassen, weil sie das Selbst nicht zulassen können. Und unsere ganze Geschichte heute, meine Brüder, das ist doch die Geschichte davon wie diese tapferen malenkigen Selbste gegen diese großen Apparate kämpfen.“

„Ist ein Mensch, der das Böse wählt, wohlmöglich gar besser als einer, dem das Gute aufgezwungen wird?“

Spoilerfreie Rezension

Anthony Burgess‘ Clockwork Orange begann für mich mit einer Demütigung. Asche über mein Haupt, aber bevor ich dieses Buch im Buchladen zum bezahlen auf die Verkaufstheke klatschte, hatte ich weder den Film gesehen, noch den Klappentext gelesen. Ich wusste es war ein Klassiker, darum musste ich ihn lesen, was auch immer sich zwischen den Seiten verbergen mochte. Als ich dann anfing das englische Exemplar zu lesen wurde mir recht schnell klar, dass ich mir vermutlich doch besser hätte das deutsche kaufen sollen. Das ganze ist nämlich geschrieben in Nadsat, einem von Burgess eigens für das Buch erfundenen Jugendslang, der dann doch etwas schwer zu verstehen war. Das ganze spielt in einer dystopischen Zukunft.

Nach dem ersten Kapitel (nun doch auf Deutsch) und wildem hin und herblättern zwischen Glossar und Geschichte hatte ich mich aber recht gut eingefunden, kannte die Schlüsselbegriffe auf Nadsat und konnte mich auf die Geschichte konzentrieren. Für jeden, der etwas mehr über das Buch weiß als ich es bis zum Aufschlagen tat, wird es nichts neues sein, dass die Geschichte voller Gewalt ist. Sie folgt dem 15-jährigen Alex mit seinen Droogs (Kumpels), die des Nachts die Straßen unsicher machen. Sie verprügeln, vergewaltigen und demütigen ihre Opfer und sehen keinen Grund zur Änderung ihres Verhaltens. Als jedoch eines der Opfer stirbt wird Alex von der Polizei gefasst und in’s Gefängnis gesteckt. Um vorzeitig entlassen zu werden unterzieht einer umstrittenen Rückgewinnungs-Behandlung, die derzeit experimentell in Gefängnissen zur Besserung des Verhaltens von Straftätern eingesetzt wird. Was danach passiert werde ich aus Spoilergründen nicht preisgeben. Jedenfalls besteht das relativ kurze Werk aus drei Teilen, von denen der erste vor dem Gefängnisaufenthalt spielt, der zweite sich mit dem Gefängnisaufenthalt und der Behandlung beschäftigt und der dritte sein leben nach der Behandlung zeigt.

Insgesamt empfand ich das Nadsat als sehr passend. Das Buch ist 1962 veröffentlicht worden und daher wirkt auch das futuristische Setting etwas altmodisch, das Nadsat hat es deutlich einfacher gemacht das ganze tatsächlich als zukünftige Welt zu erkennen. Heutzutage sprechen die Jugendlichen auch anders als ich und meine Freunde damals, also war das zum Teil etwas amüsante Nadsat ziemlich glaubwürdig und ein tolles Stilelement. Wer sich beim Lesen allerdings auf eine schöne Sprache freut, für den ist Clockwork Orange jedoch vermutlich ein Reinfall, denn schön ist Nadsat nun wirklich nicht und meiner Meinung nach ist das Buch auch kein literarisches Meisterwerk bezüglich der Sprache.

Was die Handlung angeht ist das Buch vermutlich nicht für Leute zu empfehlen, die empfindlich sind wenn es um Gewalt geht. Falls man da schmerzbefreit ist kann man sich auf eine zum denken anregende Lektüre freuen. Auch wenn Gewalt und die Behandlung einen großen Teil des Buches ausmachen, würde ich das ganze außerdem als Coming-of-Age-Geschichte bezeichnen, wenn man von den ganzen Grausamkeiten absieht geht es durchaus auch um den Generationskonflikt zwischen jung und alt und beschäftigt sich mal anders mit dem Fingerzeig auf die Jugend von heute.

Diskussion (Achtung, Spoiler)

Was die Prämisse des Buches für eine moralische Frage aufdecken soll ist denke ich mittlerweile nichts neues mehr. Kann man den Menschen zum gut sein zwingen? Darf man das überhaupt? Es ist ein Problem mit dem sich Straftheoretiker seit Ewigkeiten beschäftigen. Welchen Zweck hat eine Strafe? Laut der absoluten Straftheorie soll sie Gerechtigkeit wiederherstellen, folgt man der relativen Straftheorie ist der Zweck einer Strafe die Prävention weiterer Straftaten. Insgesamt ist natürlich die Kritik an letzterer immer der Eingriff in die Persönlichkeit des einzelnen.

Bei der Konditionierung, die Alex zukünftig von Straftaten abhalten soll, wird ein präventiver Ansatz verfolgt, der mit genanntem Problem einhergeht. Viel interessanter jedoch ist, dass im Prinzip nach Aufhebung der Konditionierung Alex den gleichen kriminellen Machenschaften nachgeht, wie er es zuvor getan hat. Dass er anfängt sich mit der Zeit zu verändern, sein Verhalten zu überdenken und sich nach dem zufälligen Treffen mit Pete, der mittlerweile verheiratet ist und eine Familie gründet, dann doch zu einer Veränderung seines Verhaltens entschließt, soll natürlich zeigen, dass ein Mensch sich nur durch eigenen Willen nachhaltig verändern kann. Der Autor bezieht hier also klar Stellung gegen die relative Straftheorie.

Neben der ganzen Gewalt und der Frage nach der Legitimation einer präventiven Strafmaßnahme empfand ich Clockwork Orange wie schon erwähnt auch als Coming-of-Age-Geschichte, viel wichtiger aber als Thematisierung des Generationskonflikts. Zum einen ist die heutige Jugend bei den Erwachsenen stark in der Kritik und auch wenn das vielleicht in diesem Fall gerechtfertigt scheint, ist es dennoch ein typisches gesellschaftliches Muster, das es schon immer gegeben hat und vermutlich auch immer geben wird. Gleichzeitig deutet sich schon an, dass die Jugend selbst auf die nächste Generation Jugendliche herabblickt. Alex äußert mehrfach, dass die Jungen Leute seltsam sprechen würden und eine zu lasche Erziehung erführen.

Bezüglich des Coming-of-Age-Aspekts des Buches gab es eine Stelle die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Alex erkennt, dass seine Eltern ihn vor Dummheiten immer nur bewahren wollten, was aber natürlich nicht klappte und dass es ihm mit seinen Kindern genauso gehen würde. Jeder Mensch muss seine eigenen Fehler machen, um zu erkennen was richtig und falsch ist. Niemand kann einen dazu zwingen, weder die Eltern, noch eine Konditionierung.

Patrick Süskind – der Kontrabaß

Patrick Süskind – der Kontrabaß

Bewertung 

Spoilerfreie Rezension

Ich bin mittlerweile ein bekennender Süskind Fan. Ähnlich wie Die Taube ist auch Der Kontrabaß nur ein kurzes Vergnügen. Das 1981 uraufgeführte Ein-Mann-Stück besteht nur aus einem Akt und demnach auch nur aus 96 zugegebenermaßen spärlich bedruckten Seiten. Das ganze ist also durchaus an einem Abend zu schaffen.

Es geht um einen verbeamteten Kontrabassisten, der von seinem Spagat zwischen dem spießbürgerlichen Habitus eines Beamten und der Sehnsucht nach einem pompösen Künstlerdasein erzählt. Er malt ein komisches Bild von der innigen Beziehung mit seinem Instrument, welche sich gewissermaßen durch eine Art Hassliebe auszeichnet und eigentlich nur durch eine Rebellion gegen das Elternhaus überhaupt zu Stande gekommen ist. Er beschreibt, wie er selbst im Orchester noch über dem Dirigenten stehe und dass ihn an Wichtigkeit im Grunde niemand übertreffen könne, wobei er sich dessen im Laufe des Buches immer unsicherer zu sein scheint.

Auch wenn ich oft meine Schwierigkeiten mit dem Lesen von Theaterstücken habe, war ich positiv überrascht. Süskinds einzigartiges Talent auch in Schriftform die Komik der Situation auf den Punkt zu bringen ist wirklich eine Freude. Dies ist meiner Meinung nach eines der Bücher, bei denen man nach dem Weglegen denkt: Wieso können nicht alle Bücher so sein?

Auf dem Buchrücken heißt es Der Kontrabaß sei Millieukomik und das beschreibt das Werk ganz gut. Wir begleiten den Protagonisten auf einer Art Erkenntnisprozess über das eigene Dasein, herrlich erzählt und sehr amüsant.

Diskussion (Achtung, Spoiler)

Zunächst hat mich der Kontrabassist sehr amüsiert. Sein wahnsinniger Übermut und die komische Art und Weise haben mich belustigt und wäre es nur dabei geblieben hätte das Buch vermutlich schon 4 Sterne von mir bekommen. Als dann aber mehr und mehr klar wird, dass er eigentlich niemals Kontrabass spielen wollte, dass ihn das Instrument physisch und psychisch behindert, fand ich das großartig. Das war definitiv eine Bereicherung für seinen Charakter und verlieh ihm etwas mehr Tiefgang. Ich hätte es nicht vermutet, aber es hat mich einigermaßen berührt, wie der arme Mann schildert, dass aufgrund seines für die meisten uninteressanten Instruments seine heimliche Liebe Sarah für ihn unerreichbar ist und er mit ihr nicht einmal musizieren kann, da für sie gemeinsam kein einziges passendes Stück existiert.

Es ist im Grunde eine Geschichte darüber wie unglücklich es jeden machen kann, wenn man im Leben einfach das falsche tut und es aus Furcht vor dem Wagnis eines Neuanfangs einfach immer weiterführt. Eine Zeit lang redet man sich das schön, man betont gar übermäßig wie gut es einem geht mit dem was man tut, wie wichtig man selbst und seine Tätigkeit sind, nur damit andere nicht auf die Idee kommen, dass man die falsche Entscheidung getroffen haben könnte oder gar unglücklich oder erfolglos ist. Der Kontrabassist versucht dieses Gefühl zu kompensieren, indem er sich als unterschätzt beklagt, den Fehler bei anderen sucht, nicht aber bei ihm selbst.

Bei diesem Süskind bin ich – mal wieder – ein Fan vom Ende. Wie schon in der Taube ist das Ende begleitet von Selbsterkenntnis und dem Mut etwas zu verändern. Der Musiker nimmt sich vor in der Vorstellung laut nach seiner Sarah, der Sängerin, in die er verliebt ist, zu schreien. Und so merkwürdig und unproduktiv sich das anhört, es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Er setzt die richtigen Prioritäten und ist bereit seinen unliebsamen Beruf aufzugeben, um sich endlich zu trauen. Sich zu trauen seine Sarah anzusprechen (zugegeben auf einem etwas unkonventionellem Weg), sich zu trauen das altbekannte, ungeliebte aufzugeben und sich selbst einzugestehen, dass nicht immer alles so bleiben sollte, wie es immer war.

Patrick Süskind – Die Taube

Patrick Süskind – Die Taube

Bewertung   

Spoilerfreie Rezension

Ein kurzes, aber nicht minder lesenswertes Vergnügen ist mit seinen nur knapp hundert Seiten Patrick Süskinds Novelle „Die Taube“ aus dem Jahre 1987.

Der Protagonist Jonathan Noel lebt einfach und zurückgezogen seit Jahren im gleichen kleinen Zimmer und arbeitet als Wachmann bei einer Pariser Bank. Sein Leben verläuft recht gleichförmig bis „die Sache mit der Taube“ passiert. Mehr will ich über den Inhalt auch gar nicht verraten, damit sie spoilerfrei bleibt.

Jonathan Noel ist so anders als alle anderen und bietet doch so viel Identifikationspotential und bringt uns dazu unsere eigenen Muster, in denen wir uns vielleicht festgefahren haben ohne es zu merken, zu überdenken. Ein großartiges Lesevergnügen für zwischendurch, das sogar ab und an einen Anlass zum Schmunzeln bietet.

Diskussion *Achtung, Spoiler*

Jonathan Noel stellt meiner Meinung nach eine karikierte Version von uns allen dar, dem Otto-Normalbürger. Wir alle sind in gewisser Weise Gewohnheitstiere, wir stellen uns auf bestimmte Situationen und Abläufe ein und fühlen uns gestört, wenn diese gestört werden.  Häufig regt man sich darüber zu sehr auf, regt sich generell über Kleinigkeiten zu sehr auf und vergisst, wie schön das Leben eigentlich sein kann.
Jonathan malt natürlich beim Auftauchen der Taube sofort den Teufel an die Wand, er bereitet sich auf das Schlimmste vor. Der Stress, der dabei entsteht sofort derart überzureagieren, verdirbt ihm den ganzen Tag. Er kann nicht konzentriert arbeiten, seine Mittagspause nicht so verbringen wie er es gern getan hätte, seine unberechtigten Existenzängste treiben ihm derart in den Wahnsinn, dass jedes weitere winzige Unglück an jenem Tag ihm wie eine eigene Apokalypse erscheint. Er steigert sich eben rein. Dann reißt auch noch die Hose, dann hat auch noch die Schneiderin keine Zeit – was für ein Tag. Ich habe mich beim Lesen ein bisschen ertappt gefühlt, denn häufig begehe ich den gleichen Fehler jede Kleinigkeit auf einen gedanklichen Haufen mit der Aufschrift „Das ist heute schief gelaufen“ zu legen, was einem am Ende des Tages nichts weiteres einbringt als Stress und Frust.

Hin und wieder las ich über dieses Buch im Internet es sei „kafkaesk“ und in gewisser Weise stimmt das auch. Die fatalistische Einstellung des Protagonisten und die Reihe ungünstiger Ereignisse sind durchaus als kafkaesk zu beurteilen, jedoch ist es das Ende, was nicht nur die kafkasche Tradition des absoluten Unglücks durchbricht, sondern mich persönlich auch besonders gefreut hat. Dass Jonathan schließlich in seien Wohnung zurückkehrt und eine gesunde Gleichgültigkeit gegenüber Nichtigkeiten erlangt hat und sich sogar im strömenden Regen auf die Straße wagt, ist wirklich ein Gewinn für die Geschichte. In seiner Wohnung, die mittlerweile nicht mehr von der Taube heimgesucht ist, angekommen erkennt er, wie verzichtbar das ganze Drama, dass er gewissermaßen selbst erst initiiert hat, gewesen ist. Außerdem ist Jonathan in seinem Wahnsinn trotzdem eine wahnsinnig sympathische Figur, die man zwar immer wieder mal mit einem „Reiß dich zusammen“ auf den richtigen Weg weisen will, die aber trotzdem sehr sympathisch ist. Ich musste beim lesen sehr häufig an Mr. Monk aus der gleichnamigen Fernsehserie denken, da ergeben sich viele Parallelen.