Anthony Burgess – Clockwork Orange

Bewertung 

“Obendrein gehört das Böse immer zum »Selbst« […]. […] das heißt die von den Regierungen, von den Schulen und Gerichten können das Böse nicht zulassen, weil sie das Selbst nicht zulassen können. Und unsere ganze Geschichte heute, meine Brüder, das ist doch die Geschichte davon wie diese tapferen malenkigen Selbste gegen diese großen Apparate kämpfen.”

“Ist ein Mensch, der das Böse wählt, wohlmöglich gar besser als einer, dem das Gute aufgezwungen wird?”

Spoilerfreie Rezension

Anthony Burgess’ Clockwork Orange begann für mich mit einer Demütigung. Asche über mein Haupt, aber bevor ich dieses Buch im Buchladen zum bezahlen auf die Verkaufstheke klatschte, hatte ich weder den Film gesehen, noch den Klappentext gelesen. Ich wusste es war ein Klassiker, darum musste ich ihn lesen, was auch immer sich zwischen den Seiten verbergen mochte. Als ich dann anfing das englische Exemplar zu lesen wurde mir recht schnell klar, dass ich mir vermutlich doch besser hätte das deutsche kaufen sollen. Das ganze ist nämlich geschrieben in Nadsat, einem von Burgess eigens für das Buch erfundenen Jugendslang, der dann doch etwas schwer zu verstehen war. Das ganze spielt in einer dystopischen Zukunft.

Nach dem ersten Kapitel (nun doch auf Deutsch) und wildem hin und herblättern zwischen Glossar und Geschichte hatte ich mich aber recht gut eingefunden, kannte die Schlüsselbegriffe auf Nadsat und konnte mich auf die Geschichte konzentrieren. Für jeden, der etwas mehr über das Buch weiß als ich es bis zum Aufschlagen tat, wird es nichts neues sein, dass die Geschichte voller Gewalt ist. Sie folgt dem 15-jährigen Alex mit seinen Droogs (Kumpels), die des Nachts die Straßen unsicher machen. Sie verprügeln, vergewaltigen und demütigen ihre Opfer und sehen keinen Grund zur Änderung ihres Verhaltens. Als jedoch eines der Opfer stirbt wird Alex von der Polizei gefasst und in’s Gefängnis gesteckt. Um vorzeitig entlassen zu werden unterzieht einer umstrittenen Rückgewinnungs-Behandlung, die derzeit experimentell in Gefängnissen zur Besserung des Verhaltens von Straftätern eingesetzt wird. Was danach passiert werde ich aus Spoilergründen nicht preisgeben. Jedenfalls besteht das relativ kurze Werk aus drei Teilen, von denen der erste vor dem Gefängnisaufenthalt spielt, der zweite sich mit dem Gefängnisaufenthalt und der Behandlung beschäftigt und der dritte sein leben nach der Behandlung zeigt.

Insgesamt empfand ich das Nadsat als sehr passend. Das Buch ist 1962 veröffentlicht worden und daher wirkt auch das futuristische Setting etwas altmodisch, das Nadsat hat es deutlich einfacher gemacht das ganze tatsächlich als zukünftige Welt zu erkennen. Heutzutage sprechen die Jugendlichen auch anders als ich und meine Freunde damals, also war das zum Teil etwas amüsante Nadsat ziemlich glaubwürdig und ein tolles Stilelement. Wer sich beim Lesen allerdings auf eine schöne Sprache freut, für den ist Clockwork Orange jedoch vermutlich ein Reinfall, denn schön ist Nadsat nun wirklich nicht und meiner Meinung nach ist das Buch auch kein literarisches Meisterwerk bezüglich der Sprache.

Was die Handlung angeht ist das Buch vermutlich nicht für Leute zu empfehlen, die empfindlich sind wenn es um Gewalt geht. Falls man da schmerzbefreit ist kann man sich auf eine zum denken anregende Lektüre freuen. Auch wenn Gewalt und die Behandlung einen großen Teil des Buches ausmachen, würde ich das ganze außerdem als Coming-of-Age-Geschichte bezeichnen, wenn man von den ganzen Grausamkeiten absieht geht es durchaus auch um den Generationskonflikt zwischen jung und alt und beschäftigt sich mal anders mit dem Fingerzeig auf die Jugend von heute.

Diskussion (Achtung, Spoiler)

Was die Prämisse des Buches für eine moralische Frage aufdecken soll ist denke ich mittlerweile nichts neues mehr. Kann man den Menschen zum gut sein zwingen? Darf man das überhaupt? Es ist ein Problem mit dem sich Straftheoretiker seit Ewigkeiten beschäftigen. Welchen Zweck hat eine Strafe? Laut der absoluten Straftheorie soll sie Gerechtigkeit wiederherstellen, folgt man der relativen Straftheorie ist der Zweck einer Strafe die Prävention weiterer Straftaten. Insgesamt ist natürlich die Kritik an letzterer immer der Eingriff in die Persönlichkeit des einzelnen.

Bei der Konditionierung, die Alex zukünftig von Straftaten abhalten soll, wird ein präventiver Ansatz verfolgt, der mit genanntem Problem einhergeht. Viel interessanter jedoch ist, dass im Prinzip nach Aufhebung der Konditionierung Alex den gleichen kriminellen Machenschaften nachgeht, wie er es zuvor getan hat. Dass er anfängt sich mit der Zeit zu verändern, sein Verhalten zu überdenken und sich nach dem zufälligen Treffen mit Pete, der mittlerweile verheiratet ist und eine Familie gründet, dann doch zu einer Veränderung seines Verhaltens entschließt, soll natürlich zeigen, dass ein Mensch sich nur durch eigenen Willen nachhaltig verändern kann. Der Autor bezieht hier also klar Stellung gegen die relative Straftheorie.

Neben der ganzen Gewalt und der Frage nach der Legitimation einer präventiven Strafmaßnahme empfand ich Clockwork Orange wie schon erwähnt auch als Coming-of-Age-Geschichte, viel wichtiger aber als Thematisierung des Generationskonflikts. Zum einen ist die heutige Jugend bei den Erwachsenen stark in der Kritik und auch wenn das vielleicht in diesem Fall gerechtfertigt scheint, ist es dennoch ein typisches gesellschaftliches Muster, das es schon immer gegeben hat und vermutlich auch immer geben wird. Gleichzeitig deutet sich schon an, dass die Jugend selbst auf die nächste Generation Jugendliche herabblickt. Alex äußert mehrfach, dass die Jungen Leute seltsam sprechen würden und eine zu lasche Erziehung erführen.

Bezüglich des Coming-of-Age-Aspekts des Buches gab es eine Stelle die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Alex erkennt, dass seine Eltern ihn vor Dummheiten immer nur bewahren wollten, was aber natürlich nicht klappte und dass es ihm mit seinen Kindern genauso gehen würde. Jeder Mensch muss seine eigenen Fehler machen, um zu erkennen was richtig und falsch ist. Niemand kann einen dazu zwingen, weder die Eltern, noch eine Konditionierung.

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