Joanne K. Rowling – Ein Plötzlicher Todesfall

The mistake ninety-nine percent of humanity made, as far as Fats could see, was being ashamed of what they were; lying about it, trying to be somebody else.


Ein Plötzlicher Todesfall | Joanne K. Rowling | Carlsen Verlag | 2012 | 576 Seiten
ISBN: 3551588880 | 24,90€


Worum geht’s?

Barry Fairbrother, geschätztes Mitglied der Gemeinde von Pagford, Familienvater, Gemeinderat und engagierter Aktivist für soziale Gerechtigkeit stirbt plötzlich und unerwartet an einem Aneurysma. Die Gemeinde gerät in Aufruhr, jetzt wo sein Platz im Gemeinderat unbesetzt ist beginnt ein verbissener Wahlkampf zweier konkurrierender Lager in der hiesigen Lokalpolitik. Das Buch begleitet die in das Geschehen verwickelten Dorfbewohner Pagfords durch diese aufreibende Zeit und sehr bald schon geht es um mehr, als nur einen Sitz im Gemeinderat.

Spoilerfreie Rezension

Seit dieses Buch im Jahre 2012 die Buchläden mit seiner grellrote/gelben Farbe bereicherte, stand es auf meiner “Unbedingt lesen”-Liste. Es rutschte zeitweise relativ weit nach unten, immer kam etwas dazwischen, fast hatte ich es vergessen. Aber Leute, ich bin so verschissen froh, dass ich es endlich gelesen habe. Ich denke noch nie ware 5 Sterne so gerechtfertigt wie bei diesem Buch.

Anfangs fühlte ich mich leicht überfordert. Auf den ersten 50 Seiten werden wirklich viele Charaktere eingeführt, es ist relativ schwierig den Überblick zu behalten. Aber wenn man das erstmal überstanden hat, wird man mit einer wahnsinnig liebevoll ausgetüftelten Charakter-Konstellation belohnt, die einfach so wunderbar greift, dass man nun von jedem Charakter ein sehr genaues Bild bekommt.

Die Charaktere sind erfrischend real. Die meisten sind nicht wirklich auf den ersten Blick sympathisch, aber das macht die Geschichte eigentlich erst interessant. Im Mittelpunkt stehen knapp 7 Familien, jede von ihnen tief verstrickt in die Angelegenheiten Pagfords und somit alle mehr oder weniger miteinander verbunden. Sie alle haben Geheimnisse, Marotten und eine ausgesprochen intakte Fassade. Mit Ausnahme vielleicht der Weedon-Familie, die zu den unterprivilegierten des Ortes gehört und nicht besonders geachtet wird.

Mrs. Rowling schafft es in diesem fast 600-Seiten Schinken hervorragend mit ihrer tollen Erzählweise ohne viel Plot eine Wahnsinns-Geschichte zu entfalten, die vorwiegend von den detaillierten Charakteren lebt und dem wunderbaren Dorf-Charm Seite für Seite die Maske vom Gesicht reißt. Sie zeigt uns das intrigante, feindselige Wesen der Dorfgemeinschaft hinter der so freundlichen Fassade. Das wirklich beeindruckende und erschreckende daran ist, dass sie so normal sind. Die meisten dieser negativen Verhaltensweisen könnten von mir oder dir genauso erwartet werden, das bekommt dann im Aggregat eine Eigendynamik, die zu diesem unglaublich miserablen und hinterhältigem Gemeinschaftscharakter führt.

Für alle mit schwachen Nerven sollte vielleicht noch gesagt werden, dass es in diesem Buch unter anderem um Vergewaltigung, Drogenmissbrauch, Kindesverwahrlosung und psychische Krankheiten geht.

Eine Kleinigkeit würde ich zu guter letzt noch ansprechen. Diese Buch hat auf Goodreads eine durchschnittliche Bewertung von 3,28. Das ist schon ziemlich schlecht. Ich habe mir mal die negativen Rezensionen durchgelesen und las einen Satz wieder und wieder. “This is nothing like Harry Potter”. Es macht mich traurig, dass der Ruf dieses tollen Buches darunter leiden muss, dass einige das Werk nicht vom Autor trennen können und sich auf einer persönlichen Ebene angegriffen fühlen, wenn ein Buch eines Autors nicht ist wie ein anderes. Wenn du einen weiteren Harry Potter erwartest, dann lies dieses Buch bitte nicht, das ist Miene persönliche Empfehlung.

Habt ihr das Buch gelesen? Plant ihr es zu lesen? Wie hat es euch gefallen?

Diskussion – Der Umgang mit unterprivilegierten (Achtung, Spoiler)

In dieser Diskussion würde ich vor allem gern über die Weedon-Familie sprechen. Sie nimmt meiner Meinung nach eine zentrale Rolle. Die als asozial beschriebene Familie mit der heroinsüchtigen Mutter, der darunter leidenden Krystal und dem weitgehend verwahrlosten Robbie ist ein gutes Beispiel dafür, dass diejenigen, die am meisten Hilfe brauchen in unserer Gesellschaft eher ausgestoßen werden und gar als Schandfleck gelten.

Helmut Kohl hat mal gesagt: “Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.” Das passt meiner Meinung nach ganz gut in den Kontext. Viele der Pagforder Einwohner sehen an jenem Tag von Robbies tragischem Tod den kleinen Jungen herumirren. Ob er ignoriert wird, weil er verwahrlost aussieht oder einfach nur, weil sie den dreijährigen nicht kennen, ist unklar. Jedoch ist es bezeichnend dafür, dass die Gesellschaft sich um die schwächsten aller Mitglieder – Kinder – nicht sonderlich schert, es sei  denn, es sind die eigenen.

Auch die Anti-Fields-Position in der Gemeinde ist eine typische, die man auch in unserer Gesellschaft finden kann. Aussagen nach dem Motto “Die sind alle faul, die verderben unsere Kinder, die werden sich nie ändern.” hört man ständig aus bestimmten konservativen Lagern. Aufsteiger, wie Barry Fairbrother einer war, werden gemeinhin als Ausnahmen gesehen, die nicht repräsentativ für das Potenzial armer Menschen sind.

Das ganze Buch ist darauf ausgerichtet dem idyllischen Gemeindeleben hinter die Fassade zu schauen und meiner Meinung nach ist da der Umgang mit dem Armenviertel Fields und stellvertretend dafür der Umgang mit der Weedon-Familie essentiell. Ich fasse daher J.K. Rowlings ziemlich geniales Werk als Gesellschaftskritik auf.

2 comments / Add your comment below

  1. Ich mag deine Rezension sehr gerne und vor allem auch das Bild, welches du für den Beitrag ausgewählt hast. Das Buch sagt mir noch gar nichts, ich finde aber die menschliche Komponente sehr interessant.

    Neri, Leselaunen

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